Nach einem Tag im Großraumbüro, einem Einkauf im vollen Supermarkt oder einer Familienfeier brauchst du erst einmal Ruhe, während andere noch voller Energie sind? Du denkst abends über ein Gespräch nach, das für alle anderen längst erledigt ist? Dann gehörst du vielleicht zu den etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen, die hochsensibel sind.

Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern ein Wesenszug. Er bringt besondere Stärken mit, aber auch die Tendenz, schneller gestresst zu sein. Der Grund dafür liegt in deinem Nervensystem: Es nimmt mehr Reize auf und verarbeitet sie intensiver. Bekommt es dafür keine Pausen, bleibt es im Alarmmodus.

Ich bin selbst hochsensibel. In meiner Praxis in der Nähe von Hannover und auch online begleite ich viele hochsensible Menschen dabei, ihr Nervensystem zu regulieren und entspannter durch den Alltag zu gehen.

Vielen ist gar nicht bewusst, dass ihr hohes Stresserleben mit ihrer Hochsensibilität zusammenhängt.

In diesem Artikel erfährst du, woran du Hochsensibilität erkennst, warum dein Nervensystem schneller an seine Grenzen kommt und was du konkret tun kannst, um wieder zur Ruhe zu finden.

Warum Hochsensible schneller gestresst sind: der Blick aufs Nervensystem

Dein autonomes Nervensystem arbeitet rund um die Uhr, ohne dass du darüber nachdenken musst. Es prüft ständig: Bin ich sicher, oder muss ich reagieren? Dafür hat es zwei Gegenspieler:

  • Sympathikus: Er aktiviert dich, macht dich wach und handlungsbereit, bei Gefahr auch für Kampf oder Flucht.
  • Parasympathikus: Er sorgt für Ruhe, Verdauung und Erholung. Sein wichtigster Nerv ist der Vagusnerv.

Gesund heißt nicht, nie gestresst zu sein. Gesund heißt, flexibel zwischen beiden Zuständen zu wechseln: aktiv werden, wenn es nötig ist, und danach wieder zur Ruhe kommen.

Dein Toleranzfenster

Stell dir vor, dein Nervensystem hat einen Bereich, in dem du Herausforderungen gut bewältigen kannst. Das ist dein Toleranzfenster. Innerhalb dieses Fensters kannst du klar denken, fühlen und handeln.

Wird es zu viel, rutschst du aus diesem Fenster heraus:

  • nach oben: Du wirst gereizt und unruhig, dein Kopf rattert.
  • nach unten: Du fühlst dich leer, erschöpft, wie abgeschaltet.

Was bei Hochsensiblen anders ist

Als Hochsensible nimmst du mehr Reize wahr als andere und verarbeitest sie tiefer. Geräusche, Gerüche, die Stimmungen anderer Menschen, deine eigenen Gedanken: All das landet in deinem Nervensystem und will verarbeitet werden. Dadurch kommst du schneller an den Rand deines Toleranzfensters als andere.

Dazu kommt: Weil dein Gehirn Erlebtes gründlich nachbearbeitet, wirken Situationen länger nach. Grübelschleifen halten den Sympathikus aktiv, auch wenn die eigentliche Situation längst vorbei ist. Dein Körper bekommt dann kein Signal, dass er sicher ist und sich erholen darf.

Hält dieser Zustand lange an, zeigt dein Körper das oft deutlich: durch Verspannungen, Schlafprobleme, Erschöpfung, Gereiztheit oder Verdauungsproblemen.

Die gute Nachricht: Dein Nervensystem ist lernfähig. Deine Hochsensibilität kannst du nicht ablegen. Du kannst aber lernen, die Signale deines Körpers früher zu erkennen, dein Nervensystem gezielt zu beruhigen und dein Toleranzfenster Schritt für Schritt zu erweitern. Wie das geht, zeige ich dir weiter unten.

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